{"id":11204,"date":"2024-10-09T09:07:55","date_gmt":"2024-10-09T09:07:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/?p=11204"},"modified":"2024-10-10T19:00:06","modified_gmt":"2024-10-10T19:00:06","slug":"echokammern-auf-speed-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/echokammern-auf-speed-2\/","title":{"rendered":"Echokammern auf Speed"},"content":{"rendered":"<div class=\"grid kcm\">\n<div class=\"grid__item two-twelfths portable--auto lap--half-twelfth palm--auto top-no-padding bottom-no-padding \"><\/div>\n<div class=\"grid__item nine-twelfths portable--five-twelfths lap--six-twelfths palm--one-whole top-no-padding bottom-no-padding   \">\n<p class=\"p1\">Zwei Frauen, In&egrave;s Serrano (ziemlich intellektuell) und Estelle Rigault (ziemlich reich), dazu ein Mann, Joseph Garcin (ziemlich feige), nach ihrem Tod eingeschlossen in einem unscheinbaren, von einer schweren Stahltu&#776;r verschlossenen Raum. Alle drei hoffnungslos einander ausgeliefert, ihrem Urteil, ihrem Hass, ihrer Pr&auml;senz, ihrer Anerkennung und Ablehnung.<\/p>\n<p>Keine Fenster, keine Spiegel, immer Licht. Keiner der drei kann fliehen, keiner kann vom anderen lassen. Alle dazu bestimmt, sich zu qu&auml;len und gequ&auml;lt zu werden. Es gibt keinen Tag, keine Nacht, es gibt auch keine Augenlider mehr. St&auml;ndiges Wachsein, keine Erholung, kein Vergessen. Alles ist sichtbar, so bekommt auch jedes noch so kleine Detail vermeintliche Bedeutung. Fliehen? Zwecklos. &raquo;Die H&ouml;lle, das sind die anderen&laquo;, spricht Garcin irgendwann. Und benennt damit exakt das, was der franz&ouml;sische Philosoph Jean-Paul Sartre in seinem Werk&nbsp;&raquo;Geschlossene Gesellschaft&laquo;&nbsp;beschreibt: hier ist jede:r des anderen Folterknecht, jede:r Folteropfer.<\/p>\n<p><strong>Die H&ouml;lle ist offen, fu&#776;r alle:s, fu&#776;r jede:n<\/strong><\/p>\n<p>&raquo;Huis clos&laquo; lautet der franz&ouml;sische Originaltitel, ein stehender Begriff fu&#776;r &raquo;unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit&laquo;. Eigentlich gar nicht schlecht: Bleibt die &Ouml;ffentlichkeit drau&szlig;en, dann darf alles gesagt, kann alles offengelegt werden. Dann ist (fast) alles erlaubt. Was unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit geschieht, das ist und bleibt unter uns. Breaking News, schlechte Nachricht: diese R&auml;ume, es gibt sie nicht mehr. Die H&ouml;lle ist offen, fu&#776;r alles und jeden.<\/p>\n<p>Es braucht weder viel Fantasie noch profundes Wissen in franz&ouml;sischem Existenzialismus, um zu erkennen: Die H&ouml;lle, das ist dort, wo alles publik ist, alles Echtzeit, alles Eilmeldung. Dort, wo Massenmedien Medienmassen produzieren. Alles geh&ouml;rt durchgestochen, kommentiert, emittiert. Das Verborgene ist pass&eacute;. So l&auml;sst sich Sartres H&ouml;lle leicht in jede Filterblase, jede Bubble, jeden Kanal, auf jeden Touchpoint projizieren: Unabl&auml;ssig sammelt sich in den Blasen und Echokammern ein Smog aus allem, aus Endlosinhalt, aus Meinung, Hysterie, Stimulanz, Akzeptanz, Ablehnung, Konfrontation, Imitation, Reflex, Pawlow. Und Speed.<\/p>\n<p>Die mediale H&ouml;lle ist eine Echokammer auf Speed, in der allein schon der schieren Pr&auml;senz des Anderen Bedeutung zukommt. Damit verst&auml;rkt sich der\/die\/das Laute immer weiter, bis zur krachenden Bedeutungslosigkeit. Wie in einer Gro&szlig;ku&#776;che, in der unz&auml;hlige K&ouml;che die Zutaten wahllos zusammenwerfen um sie bis zur mainstreamigen L&ouml;ffelfertigkeit zu verbreien. Weil der Ku&#776;chenchef die Losung ausgibt: &raquo;Macht mal Essen!&laquo;<\/p>\n<p><strong>Der Inhalt, das sind die Anderen!<\/strong><\/p>\n<p>Falsch ist das nicht: blo&szlig;es Essen macht schon auch satt. Und auch Inhalt l&auml;sst sich ebenso bequem wie wahllos verschlingen, l&auml;sst sich reinsaugen. Bleibt aber nicht h&auml;ngen, hat kaum Bedeutung, kaum Wirkung, wird halt verstoffwechselt. Kaum produziert, schon konsumiert. Der N&auml;chste bitte! Damit sprechen wir dem Inhalt seinen ureigensten Wert ab: Bedeutung. Inhalt, wenn nicht wertgesch&auml;tzt, neutralisiert Inhalt. Er wird zum&nbsp;&raquo;Instant Content&laquo;, zum bedeutungslosen, formbaren Etwas. Und ist damit nackt ausgeliefert, dem Urteil, dem Hass, der Pr&auml;senz, der Anerkennung und Ablehnung der Anderen. Die H&ouml;lle, das sind die Anderen? Der Inhalt, das sind die Anderen!<\/p>\n<p>Um nicht in den Echokammern auf Speed unterzugehen, um im&nbsp;&raquo;Big Content&laquo;&nbsp;zu bestehen, zu bedeuten, zu wirken, dazu braucht Inhalt eine Renaissance, eine Ru&#776;ckbesinnung, eine Bedeutungszuweisung. Er verdient eine Methode, eine Wertsch&auml;tzungskette, an deren Anfang nur zwei Worte stehen:&nbsp;&raquo;Wozu?&laquo;&nbsp;und&nbsp;&raquo;Damit!&laquo;. Klingt einfach. Denkt Inhalt aber von Grund auf wieder neu: Wozu gibt es das Geschriebene, Gesendete, Geteilte, Kommentierte, Fotografierte, Skizzierte, Dokumentierte? Welchen Wert schreiben wir Inhalt zu, wozu dient sein Wesen und damit seine Wirkung? Und auch das noch: Wozu mu&#776;ssen wir Inhalt diskutieren? Damit wir uns allein auf seine schnelle Reichweite, seine technokratische Ma&szlig;zahl, seine gr&ouml;&szlig;te gemeinsame Performance verst&auml;ndigen?<\/p>\n<p>Ohne das&nbsp;&raquo;Wozu? Damit.&laquo;&nbsp;imitieren wir Kommunikation immer und immer wieder aufs Neue. Und w&auml;ren dadurch doch wieder nur Partikel im Sog und Smog der Echokammern und Blasen. In den R&auml;umen, in denen unz&auml;hlige Instrumente einfach drauflos spielen, wild durcheinander. Weil die einzige Ansage des Dirigenten ans Orchester lautet: Macht mal laut!<\/p>\n<p><strong>Die Blasen verlassen, <\/strong><strong>aber mit Methode: Wir.<\/strong><\/p>\n<p>Wohlgemerkt: Das ist ebenso wenig falsch wie wahlloses Essen. Laut kann man auch h&ouml;ren, das reicht schon fu&#776;r ordentlich Drama und Drehmoment in der Aufmerksamkeitsspirale. Bedeutung aber, gar Wirkung, geht anders. Wozu also Inhalte neu denken? Damit wir Inhalt als Bedeutung unserer Geschichten verstehen. Dazu denken wir fernab vom Kanal, fernab von klassischen KPIs, fernab vom schnellen Klick-Kick. Dazu verlassen wir die Blasen und folgen einer klaren Methodik, die weit vor der Produktion von Inhalt und Kommunikation ansetzt.<\/p>\n<p>Da steht am Anfang das Wir: Wozu machen wir das hier eigentlich? Nicht alleine, sondern gemeinsam eine Einigkeit u&#776;ber das eine, klare Ziel der Story zu schaffen&#8202;-&#8202;das weist der Story ihre Bedeutung zu und lehrt damit, sie neu wertzusch&auml;tzen. Das Wir ist der Startpunkt der inhaltlichen Wertsch&auml;tzungskette, des Neudenkens. Trivial? Vielmehr grenzu&#776;berschreitend, Silos einrei&szlig;end.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Blasen platzen lassen, zuvorderst die eigenen, damit f&auml;ngt die Arbeit an. Sind sie geplatzt und nicht mehr geschlossene, sondern ge&ouml;ffnete Gesellschaften, dann folgt: die Debatte, die Diskussion, das Sichten und Gewichten, die Bedeutungszuweisung.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Bitte als Kooperation zu verstehen, nicht als Kampf! Im Kampf verliert jeder Inhalt rapide an Wert. In der kreativen Kooperation kann er wachsen und gewinnen.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Minds wide open! Das &Uuml;berwinden des Egos in der Inhaltsdiskussion schafft Wertsch&auml;tzung dem Anderen gegenu&#776;ber. Weil es die eigene Rolle in der Gruppe, im Team, im Miteinander mit Bedeutung anreichert. Und damit auch das Ergebnis.&nbsp;&raquo;Shit in, Shit out&laquo;&nbsp;wird zu&nbsp;&raquo;Sense in, Sense out&laquo;. Die Wertsch&auml;tzungskette im Mindset wird zur Wertsch&ouml;pfungskette im Kommunikationsvorgang.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\"><strong class=\"markup--strong markup--p-strong\">Ein Betriebssystem, das nach drau&szlig;en fu&#776;hrt, das integriert.<\/strong><\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Aber mal ehrlich: was ist daran schon neu? Das Team, das Wir, das gemeinsame Miteinander sind doch nur weitere hohle Phrasen in einer weiteren speedy Echokammer. Tausendmal zitiert.&nbsp;&raquo;There is no them, only us&laquo;. Netter Kalenderspruch, nur leider auch erstmal: bedeutungslos.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Stimmt. So wie es eine Methodik, ein Betriebssystem braucht, um aus Einsen und Nullen eine Anwendung zum Laufen zu bringen braucht es ein Betriebssystem, das den Kalenderspruch von der Wand rei&szlig;t, ihn zerknu&#776;llt und in den Alltag wirft. Auf dass er sich dort entfaltet, aus der H&ouml;lle der lebenden Toten, rein ins Leben.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Eine Methodik, die Struktur, Fokus, Routinen, Rahmen aufzeigt. Ein Framing also, das &ndash; wenn als Training, Sparring, Option verstanden und angewendet&#8202;&mdash;&#8202;nach drau&szlig;en fu&#776;hrt. Framing kann u&#776;berhaupt&nbsp;&raquo;fu&#776;hren&laquo;, kann integrieren statt dividieren.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Die H&ouml;lle gibt schon auch Halt. Als hermetisch geschlossener, nach innen gerichteter Raum, aus dem es ein Hinein, aber kein Hinaus gibt. &raquo;Also&#8202; &ndash;&#8202;machen wir weiter&laquo; sind die letzten Worte, die Garcin in &raquo;Huis Clos&laquo; spricht. Die Rolle, die Sartre ihm zuschreibt, ist im &Uuml;brigen die eines Journalisten. Aber das nur als Randnotiz.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Nein, einfach so weiter machen wir nicht.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">&raquo;Wir&laquo;? Ja.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">&raquo;Weiter&laquo;? Auch.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Aber nicht&nbsp;&raquo;einfach so&laquo;.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Einfach so haben wir es geschafft, etwas essentiell Emotionales wie den gesprochenen, geschriebenen, gesendeten, gezeigten Inhalt bis zur Beinahe-Beliebigkeit herunter zu kopieren&#8202;&mdash;&#8202;dazu bereit, mit jedem Kopiervorgang eine neue, emotions- und wertlosere Content-Mutante zu schaffen. Es ist Zeit fu&#776;r (wieder) mehr Original.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Wozu? Damit. Damit Bedeutung im Inhalt ihre integrative Wucht entfalten kann, nach au&szlig;en wie nach innen. Damit sich integrierte Kommunikation nicht allein in Prozessen abbildet, sondern gleichwohl in den Menschen, die sie neu denken, neu planen, neu umsetzen.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Das sind dann die, die wieder mehr Wirklichkeit, mehr Dialog schaffen.<\/p>\n<p class=\"graf graf--p\">Die anderen machen weiter H&ouml;lle.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"grid__item half-twelfth portable--auto lap--half-twelfth palm--auto top-no-padding bottom-no-padding \"><\/div>\n<div class=\"grid__item half-twelfth portable--three-twelfths lap--four-twelfths palm--auto top-no-padding bottom-no-padding \">\n<p class=\"s1 small-text\" style=\"color: black; font-weight: bold;\">tl;dr<\/p>\n<p>In einer Welt der Massenmedien, der Echokammern und Filterblasen gibt es keine Geheimnisse mehr, keine Flucht. Alles wird sichtbar, kommentiert und ausgeschlachtet, bis zum Punkt der Bedeutungslosigkeit.<\/p>\n<p>Inhalt verkommt zum &bdquo;Instant Content&ldquo;, oft wertlos, noch &ouml;fter schnell produziert, schnell konsumiert.<\/p>\n<p>Was fehlt? Eine R&uuml;ckbesinnung auf die Bedeutung von Inhalt, die Frage nach dem &bdquo;Wozu&ldquo; und &bdquo;Damit&ldquo;. Echokammern m&uuml;ssen platzen, damit wir den Wert von Kommunikation wieder erkennen. Es geht um Inhalte, die wieder wirken, nicht einfach nur laut sind.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kampf verliert jeder Inhalt rapide an Wert. Nur in der kreativen Kooperation kann er gewinnen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":11225,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[102],"tags":[],"class_list":["post-11204","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-magazin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11204","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11204"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11308,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11204\/revisions\/11308"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.studiomonaco.de\/wordpress3\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}